Schwergeburt mit Happy-End

April 2022, der Feierabend war in Sicht, die Kollegen prosteten sich mit ein paar Flaschen Corona-Bier zu (hatte, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, der Junior-Chef mitgebracht) und in der Abfohlbox fing die Stute Dyanamore unruhig zu werden.

Nun kann eine beginnende Geburt auch mal mit den Symptomen einer Kolik verwechselt werden, also gingen wir auf Nummer sicher und riefen den Tierarzt an.
In der Zwischenzeit, wir mussten mindestens eine Stunde Wartezeit überbrücken wegen der langen Anfahrt, habe ich mein gesamtes Repertoire für Kolik eingesetzt.
Das beinhaltet so Dinge wie Colosan und Rescura Tropfen, aber auch (Achtung kann schräg klingen) das Auflegen der Hände.
Schon bevor die Tierärztin aus Wiesbaden eintraf, waren die Koliksymptome abgeklungen und es wurde klar, dass eine falsche Lage des Fohlens der Auslöser war.
Durch eine Kontrolle mittels einer Hand bzw. Arm mit Handschuh und Gleitmittel stellten sowohl ich als auch mein Kollege fest, daß im Geburtskanal weder, wie eigentlich zu erwarten, die Vorderbeine des Fohlens zu fühlen waren. Aber auch kein Kopf, Nüstern oder Ohren waren zu ertasten.
Nachdem auch die Tierärztin dasselbe, also ein Fehllage des Fohlens bestätigt hatte, war klar, das ist ein absoluter Notfall und damit ein Transport in die etwa 85 Kilometer entfernte Geburtshilfliche Klinik der Uni-Gießen wurde informiert.

Dort angekommen startete Nachts die Prozedur, das Fohlen im Uterus der Stute zu drehen und es durch den Geburtskanal heraus zu bekommen. Am Kopf der Stute im Untersuchungsstand stehend und selbige, zwar sediert, festzuhalten und versuchen zu beruhigen, konnte ich die Mitarbeiter der geburtshilflichen Klinik konzentriert und schwer körperlich arbeitend beobachten.
Und letztlich gelang es um ca. 21 Uhr ein gesundes Hengstfohlen (siehe Beitragsbild von direkt nach der „Geburt“) zu entbinden.

Während der kleine Hengst versorgt wurde ging auch die Behandlung der Stute weiter.
Um 21:32 wurden beide dann in eine der Boxen gebracht.

Gegen 0:17 waren meine gute Freundin, die mich in die Uniklinik begleitet hatte, und ich wieder im Gestüt eingetroffen und nahmen an, nun würde alles in ruhigen Bahnen verlaufen.

Als ich mich jedoch am nächsten Morgen telefonisch nach dem Zustand von Stute und Fohlen erkundigte, da hiess es „Die Stute ist auf das Fohlen losgegangen und wir mussten beide trennen!“
Dyanamore war nie vorher durch Aggressiviität aufgefallen, weder gegenüber uns Menschen, noch ihren Fohlen gegenüber. Das bedeutete nichts gutes.
Und weiter „die Stute hat weiter Blutungen aus der Gebärmutter, möglicherweise überlebt sie das nicht, sie werden wohl eine Ammenstute brauchen“


2 Stunden nach dem Telefonat war ich wieder vor Ort in der Tierklinik der Uni-Gießen und sprach mit Dr.Hospes, der mir erklärte, daß die Überlebenschance von Dyanamore, aufgrund der Blutungen, unter 50% einzuschätzen wäre. Und daß auch die Gefahr bestanden hätte, im Falle des Zusammenbruchs der Stute, auf das liegende Fohlen zu fallen und es zu verletzten,
Dr.Hospes schätze ich sehr durch unter anderem die vielen Jahre, in denen er für das Direktorium für Vollblutzucht und Rennen (heute unter dem Namen „Deutscher Galopp“) die jährliche Herbstuntersuchung durchführte, aber auch durch seine Tätigkeit in der geburtshilflichen Klinik für Pferde an der Uni-Gießen. Dort war ich in den 25 Jahren meiner Tätigkeit durchaus öfter, einmal sogar als ein Filmteam vor Ort war und ein Beitrag für die Sendung „Menschen, Tiere und Doktoren“ gedreht wurde. Die Reihe lief damals auf dem Sender VOX und diese Folge lief wohl im Mai 2009.

Nach dem Gespräch ging ich zuerst zu Dyanamore, die an einer Infusion angehängt in ihrer Box stand
und danach zu ihrem kleinen Hengst, der ebenfalls alleine in einer Boxe im anderen Trakt untergebracht war.
Kein schönes Bild:
Inzwischen hatte ich Kontakt mit dem Gestütseigner, der mich nach den Chancen der Stute fragte und sich nach meiner Prognose erkundigte.
Meiner Ansicht nach war die Chance deutlich besser als Dr.Hospes gesagt hatte und ich teilte dem Eigner des Karlshof mit, daß es natürlich besser sei wenn das Fohlen mit der eigenen Mutter aufwachsen könne.

Tag 3: wieder war ich nach Gießen gefahren und diesmal war wieder meine gute Freundin dabei und dieser Tag brachte die Wende.
Denn nachdem wir einige Zeit vor allem bei dem kleinen Hengst verbracht hatten, da wagte ich mich daran Stute und Fohlen, entgegen der Ratschläge der Klinik und nur meinem Bauchgefühl folgend, wieder zusammen zu bringen.
Ich selbst nahm die Stute an die Hand und währenddessen brachte meine gute Freundin, begleitet von Klinikpersonal und Pflegekräften, das Hengstfohlen zu uns in die Box.
Auf dem nächsten Foto sieht man übrigens die Bissspuren aus Nacht 1

Kaum war der kleine Hengst bei seiner Mutter in der Box, führte ihn sein Weg ganz zielstrebig ans Euter und das obwohl er in der Zwischenzeit nur Milch aus der Flasche bekommen hatte.
Und seine Mutter ließ ihn nahezu sofort trinken und ab dem Moment gab es keine weiteren Probleme.

Vermutlich war die Geburt für Dyanamore eine Art Trauma und das störte massiv die Bindung.
Meine Lehre aus der Sache, das nächste Mal Stute und Fohlen nicht alleine, dem sicher engagierten Personal der Tierklinik zu überlassen, sondern selbst vor Ort bleiben.

Der junge Mann, der einen so schweren Start ins Leben hatte, wuchs 6 Monate bei Fuß seiner Mutter Dyanamore auf, wurde dann abgesetzt und blieb bis zur Jährlingsauktion 2023 in Iffezheim im Gestüt Karlshof.


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Ein Kommentar

  1. Sehr schön und verständlich geschrieben, für mich als absoluten Pferdelaien. Man spürt die Dramatik und erinnert mich an meine eigene traumatische Entbindung. Meiner Meinung nach, war dein Bauchgefühl zu 100% richtig und deine Einschätzung des Gefühlslebens der Stute, nach diesem Drama auch. Ich denke, du hast der Stute und dem Fohlen extrem geholfen, auch für die weitere Entwicklung. Ich hoffe der Eigentümer wusste das zu schätzen!

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