Ammenstute – Notfall – was tun?

Die meisten Geburten verlaufen problemlos, aber jeder Züchter ist gut beraten, sich auf ein „worst case“ Szenario vorzubereiten.

So sollte in jedem Züchterstall eine Fohlenmilch-Notpackung stehen und eine geeignete Nuckelflasche, um damit die sogenannte Biestmilch, das wichtige Kolostrum, von der Stute abmelken zu können und dem Fohlen per Flasche anzubieten.

Notfälle können sehr vielfältig sein, zum Beispiel der sehr seltene Fall, daß die Stute ihr Fohlen einfach nicht annehmen will. Sei es, dass es sich um das erste Fohlen handelt und damit eine unerfahrene Stute.
Diese lässt sich in erfahrenen Händen meist nach kurzer Zeit überzeugen, aber wenn sie sich abmelken lässt (das anfassen des Euters hat der erfahrene Züchter bereits länger vorher geübt) hat das Fohlen zumindest die erste Milch schon mal im Magen.

Achtung, in einzelnen Fällen lässt sich ein an die Flasche gewöhntes Fohlen nur noch schwer entwöhnen und an das Euter bugsieren, ich spreche da aus Erfahrung weil ich mich einmal von einem Vorgesetzten dazu überreden ließ, ohne große Not die Flasche zu benutzen.

In noch selteneren Fällen gibt es eine Unverträglichkeit der Milch für das Fohlen. Da das in den meisten Fällen vorher nicht bekannt ist, führt das zu einem kranken Fohlen und ggf. einem Klinikaufenthalt. Da findet dann eine weitere Abklärung und Beratung über das weitere Verfahren statt.

Häufiger jedoch passiert ein Verlust der Stute durch innere Verletzungen bei der Geburt. Das ist tragisch jedoch nicht immer vermeidbar und dann ist es gut, wenn der Züchter weiß, wo er sich Unterstützung holen kann und zum Beispiel eine Rufnummer einer Ammenvermittlung griffbereit und am besten im Handy gespeichert hat.

Es gibt nun zwei bis drei Varianten:

1. Aufzucht mit der Flasche, davon rate ich eindeutig ab, denn das ist zum einen mit mehr oder weniger schlaflosen Nächten verbunden und das Sozialverhalten eines Flaschenkindes leidet darunter.
2.eine mutterlose Aufzucht in einer Gruppenhaltung, wie es zum Beispiel Mike Otte in Norddeutschland anbietet.
3.eine Ammenstute, im Notfall und sofern kurzfristig zu finden die meiner Meinung nach beste Lösung, die aber auch in erfahrene Hände gehört.

Nicht jede Stute nimmt ein fremdes Fohlen problemlos an und das ist mit Arbeit verbunden.

Vor einigen Jahren hatten wir auf dem Vollblutgestüt einen Notfall und bekamen eine Haflingerstute als Amme. Sie stammte aus einem Stutenmilchbetrieb und ihr eigenes Fohlen wurde kurz vor dem Transport abgesetzt, also von der Mutter getrennt.
Mit der Vermietung von Ammenstuten hat sich dieser Betrieb eine zweite Einkommensquelle aufgetan und diese Stuten sind meist gut verträglich und es bedarf nur wenig Aufwand Amme und Fohlen unter guter Aufsicht zu vereinen. Klingt einfacher als es in manchen Fällen ist. So kann es helfen den Geruch des Fohlens mit dem Kot der Ammenstute zu überdecken.
Mit der Amme konnte das Fohlen einige Zeit später ganz normal in der Herde aufwachsen.

Nach dem Absetzen der Ammenstute gab es dann die Möglichkeit die Ammenstute zu übernehmen oder zurück zu geben.

Bei Fohlen, die zum Beispiel bereits 2 oder 3 Monate alt sind, da habe ich in einem Fall eine Alternative erfolgreich versucht.
Die Stute hatte sich bei einem Auslandsaufenthalt zwecks Bedeckung eine Erkrankung zugezogen mit dem Namen Grass sickness und zwar die seltenere chronische Form, die nach der Heimkehr auftrat und zunächst mit Schluckbeschwerden auftrat.
In der Uni-Klinik Gießen wurde das schnell diagnostiziert und es hieß „wenn die Stute eine Chance haben soll, dann muß sofort das Fohlen getrennt werden.“

Das taten wir und fuhren mit dem Fohlen zurück ins heimische Gestüt. Eine unserer verträglichsten Stuten mit ihrem Fohlen hatte ich auf einen Paddock in Sichtweite des Hauses verbringen lassen und stellte das Fohlen dazu.
Natürlich hat die Stute zunächst das fremde Fohlen auf Abstand gehalten und das zu beobachten ist nicht die leichteste Übung. Abends kam der Vorschlag, das Fohlen über Nacht alleine in einer Box zu halten, damit es mehr Ruhe hätte (und einfacher mit der Ersatz-Milch zu füttern) aber das wäre kontraproduktiv gewesen, also lehnte ich das ab.

Als abends Regen einsetzte, da wäre ich fast eingeknickt, aber als ich zur Koppel kam, da fand ich beide Fohlen dicht an dicht an der Hecke stehend und die Stute nicht weit entfernt.
Und wenn ich mich richtig erinnere, dann ließ die Stute später sogar beide Fohlen am Euter trinken. Manche Stuten lassen das auch in der normalen Herde zu, daß eines der anderen Fohlen sich etwas Zusatzmilch abzapft.

Auf facebook gibt es eine Gruppe namens Ammenstuten, Waisenfohlen. Dort findet man eine Liste mit Namen und Adressen, wo man zum Beispiel Ersatzmilch, Kolostrum etc. bekommen kann und auch Telefonnummern zur Vermittlung von Ammenstuten findet.

Der obige Text erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Wenn Sie mehr wissen möchten:

Ähnliche Beiträge

  • Schwergeburt mit Happy-End

    April 2022, der Feierabend war in Sicht, die Kollegen prosteten sich mit ein paar Flaschen Corona-Bier zu (hatte, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, der Junior-Chef mitgebracht) und in der Abfohlbox fing die Stute Dyanamore unruhig zu werden. Nun kann eine beginnende Geburt auch mal mit den Symptomen einer Kolik verwechselt werden, also gingen wir…

  • Fohlenaufzucht

    Eines der wichtigsten Dinge bei der Aufzucht der Fohlen ist der Umgang ab dem Moment der Geburt. Vertrauen ist der Schlüssel. Allerdings gehört die Zeit nach der Geburt auch der Bindung zwischen Stute und Fohlen. Daher habe ich stets darauf geachtet, daß nach der Nabeldesinfektion und der Klistiergabe Ruhe einkehrt und die Aufstehversuche und die…

  • Vorbereitung auf die Zuchtsaison

    In der Vollblutzucht beginnt am 15.Februar die Decksaison und das hat unter anderem folgende Gründe: Die Vorbereitungen, das bedeutet die Planung und Buchung des Deckhengstes, die notwendigen Untersuchungen der Stute etc. sind bestenfalls schon erledigt oder sollten jetzt angegangen werden.Dazu gehören je nach Hengstgestüt verschiedene Bluttests wie Cogginstest und EHV (Equine Herpes Virus) sowie eine…

  • Die Abfohlsaison

    Mit dem 1.Januar beginnt die Saison der Fohlengeburten. Allerdings ist es meiner Meinung nach viel zu früh, denn mit dem ersten Tag nach der Geburt sollten Stute und Fohlen Bewegung an der frischen Luft haben und das möglichst viel. Das geht eher ab März und April, je nach Wetter, aber auch im Mai mit mehr…

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert